Mit starkem Mindset ins Vorstellungsgespräch
Wer vor einem wichtigen Vorstellungsgespräch von Nervosität geplagt im Freundeskreis nach Tipps fragt, bekommt häufig Ratschläge wie: „Auf die kniffligen Fragen kannst du dich vorbereiten und dir Antworten zurechtlegen. Das Wichtigste ist dein Mindset, deine innere Haltung. Du musst mit einer gewissen Überzeugung in das Gespräch gehen, dann läuft es wie von selbst.“ Das klingt erst mal einfach. Aber kann die persönliche Einstellung tatsächlich einen so großen Einfluss haben?
Von Hunden und Katzen
Die beiden Tiere machen in ihrem jeweiligen Alltag offenbar ähnlich positive Erfahrungen. Allerdings kommen sie zu völlig unterschiedlichen Schlüssen, warum es ihnen so gut geht – und das ist auf ihr jeweiliges Mindset zurückzuführen. Wenn dem Hund etwas Gutes passiert, sucht er den Grund dafür im Außen: Jemand anders ist dafür verantwortlich, dass er sich wohlfühlt. Jemand anders besitzt die notwendige Kompetenz, für ihn zu sorgen. Die Katze ist davon überzeugt, dass sie selbst für die Fürsorge verantwortlich ist, die ihr täglich zuteilwird. Du ahnst schon, worauf das hinausläuft, darum: Wirf einmal einen Blick auf deinen Lebenslauf und auf wichtige berufliche Stationen, Erfolge, Beförderungen, Auszeichnungen etc. Ist dir das alles „einfach so passiert“? Oder ist dein Karriereweg das Ergebnis deiner Fähigkeiten, deiner Kompetenzen, deiner Arbeit?
Von kompetenten Menschen
Solltest du dich für die erste Auswahlmöglichkeit entschieden haben, befindest du dich in guter, sogar in äußerst kompetenter Gesellschaft. Denn tatsächlich glauben gerade erfolgreiche Menschen häufig, dass sie ihren Erfolg eigentlich nicht verdient haben. Dass sie im Grunde gar nicht so kompetent sind, wie es scheint. Und dass in der Vergangenheit erzielte Erfolge, wenn diese überhaupt als solche anerkannt werden, mehr die Produkte einer langen Kette von glücklichen Zufällen sind. Diese Menschen haben die „Hunde-Denke“ internalisiert. Wobei sie auch gern mal die „Katzen-Denke“ anwenden, nämlich immer dann, wenn etwas schiefgeht. Die Verantwortung für Misserfolge übernehmen sie meist vollumfänglich. Solche Denkmuster halten sich hartnäckig und lassen sich mit gut gemeinten Ratschlägen wie „Du musst nur positiv denken!“ nicht einfach aus den Köpfen tilgen.
Was bedeutet das nun für dein bevorstehendes Vorstellungsgespräch? An einer inneren Haltung lässt sich durchaus arbeiten, zum Beispiel mit einem professionellen Karriere-Coaching. Wenn dein Gespräch aber kurz bevorsteht, bist du vermutlich eher an einer zeitnahen Lösung interessiert. In diesem Fall kann der Rat, dich auf bestimmte Fragen vorzubereiten, durchaus hilfreich sein. Eine gute Vorbereitung ist nie falsch. Starte am besten mit der Frage nach deinen Stärken – denn die wird mit Sicherheit kommen.
Damit lenkst du deinen Fokus auf etwas Positives und weg von deinen vermeintlichen Defiziten. Wenn du dir hier eine gute Antwort erarbeitet hast, lerne sie ruhig auswendig. Wann immer sich leise Zweifel an deinen Kompetenzen und deiner Eignung für die Stelle anmelden, kannst du diese Sätze zu dir selbst sagen, ein bisschen wie ein Mantra. Auch auf den Einstieg „Erzählen Sie doch einmal etwas über sich“ solltest du dich gut vorbereiten – denn diese Aufforderung ist deine Chance, den Ton für das gesamte Gespräch zu setzen.
Von Gesprächen auf Augenhöhe
Wenn du zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wirst, kannst du davon ausgehen, dass du die andere Seite schon weitestgehend von dir überzeugt hast. Das heißt nicht, dass du den Job bereits in der Tasche hast. Aber man will dich kennenlernen. Und genau darum geht es in einem Vorstellungsgespräch: um ein gegenseitiges Kennenlernen. Auch du hast sicher Fragen an deine potenzielle neue Führungskraft, willst einen Eindruck von der gelebten Unternehmenskultur bekommen und mehr über deine Aufgaben erfahren. Wenn du aus dieser Perspektive auf dein bevorstehendes Vorstellungsgespräch blickst, stellst du fest, dass beide Seiten das gleiche Interesse verfolgen und damit auf Augenhöhe agieren können. Es ist nicht nur so, dass du Interesse an einer neuen Stelle hast. Das Unternehmen ist auf der Suche nach einem:einer neuen Mitarbeiter:in.
Apropos Augenhöhe: Immer mehr Unternehmen verstehen, dass Vorstellungsgespräche, in denen Fragen aus dem Lehrbuch vorbereitete Antworten provozieren, der Vergangenheit angehören (sollten). „Wollen wir Kandidat:innen für uns gewinnen, muss ein Gespräch, ein Austausch stattfinden“ Kein Abhandeln von vorgefertigten Fragen“, schrieb jüngst Ramona Blau auf LinkedIn. Die Unternehmerin berichtete über ein aus ihrer Sicht gutes Vorstellungsgespräch – die Kandidatin allerdings sagte die Stelle nach dem Gespräch ab. Ramona Blau fragte nach den Gründen, bat um eine zweite Chance, bei der Ziele und Aufgaben im Detail besprochen werden konnten. „Es entstand ein klares Bild und wir hatten Glück“, schrieb Blau weiter. „Sie entschied sich für uns.“ Lass dir das auf der Zunge zergehen: Ein Unternehmen bittet um eine zweite Chance und empfindet es als Glück, dass eine Kandidatin doch noch überzeugt werden konnte. Die Rolle eines Bittstellers bzw. einer Bittstellerin kannst du also getrost aus deinem Mindset streichen.
Von Daten und Fakten
Ramona Blaus Geschichte ist ein Beleg für den Kandidat:innen-Markt, von dem zurzeit so häufig zu lesen ist. Mehr Beweise liefert eine brandaktuelle Studie der KÖNIGSTEINER AGENTUR, die besagt, dass Stellen von Bewerber:innen inzwischen häufiger abgesagt werden als von Unternehmen. Die Gründe sind meist konkurrierende Jobangebote. Und bei diesen konkurrierenden Angeboten ist es nicht in erster Linie ein höheres Gehalt, das die Kandidat:innen überzeugt, sondern eine Stelle, die besser zu ihrer Persönlichkeit passt. In der Regel kannst du dir als Bewerber:in ein Unternehmen auswählen – und das machst du mit Bedacht. „HR-Experten sprechen schon sehr lange vom Mangel an Arbeitskräften, der zu einem Kandidatenmarkt führe, in dem sich die Selektionslogik in Richtung Bewerber umkehre“, sagt Nils Wagner, Geschäftsführer der KÖNIGSTEINER AGENTUR. „Arbeitgeber stehen also einem Paradigmenwechsel im Bewerbungsprozess gegenüber und müssen sich verstärkt Gedanken darüber machen, wie sie sich selbst bei den Kandidaten bewerben.“
Als Bewerber:in hast du zurzeit gute Karten: Unternehmen sind händeringend auf der Suche nach Fachkräften, vor allem IT-Expert:innen sind heiß begehrt. Wenn du dich gerade in einer Bewerbungsphase befindest, solltest du diesen Fakt nicht nur berücksichtigen, sondern die Chance nutzen, die darin liegt: Du musst dich nicht für eine Stelle verbiegen, du kannst entspannt auf die Suche gehen und deine Erwartungen und Bedürfnisse mit den Angeboten der Unternehmen abgleichen. Wenn du diese Denke in dein Mindset integrierst, agierst du in einem Vorstellungsgespräch als gleichberechtigte Person, die mit ehrlichem Interesse abwägt, ob eine Stelle und ein Unternehmen passen oder eben nicht.
Von guter Unterstützung
Das INQUA-Institut bietet unter anderem das Kompetenzprofil High Profiling® an. Dabei handelt es sich um ein biografieorientiertes Reflexions-Tool, das von INQUA entwickelt wurde. Auf Basis eines Leitfadeninterviews zur Erwerbsbiografie der:des Coachees wird ein individuelles Profil angelegt, das die fachlichen und sozialen Kompetenzen, aber auch Entwicklungshypothesen abbildet.
Mit welcher Haltung gehe ich ins Vorstellungsgespräch?
Ein Vorstellungsgespräch dient dem gegenseitigen Kennenlernen: Nicht nur du stehst auf dem Prüfstand – auch das Unternehmen, bei dem du dich bewirbst, muss ehrlich sein und deine Fragen beantworten. Sieh dich im Gespräch als gleichberechtigte Person, die bereit ist, einem Unternehmen deine Fähigkeiten und Kenntnisse zur Verfügung zu stellen.
5 Tipps für ein gutes Mindset
- Mache dir ein realistisches Bild der Situation – du bist kein:e Bittsteller:in, du bist eine qualifizierte Fachkraft, die dem Unternehmen ein Angebot macht.
- Bereite dich auf ein Gespräch auf Augenhöhe vor – beide Seiten haben Interesse daran, die jeweils andere Seite kennenzulernen.
- Bereite dich auf typische Fragen vor – nicht alle Unternehmen sind schon bereit, auf die Klassiker aus dem Handbuch zu verzichten.
- Bereite selbst Fragen vor – was willst du über deine künftigen Aufgaben, die Unternehmenskultur oder deine potenzielle neue Führungskraft wissen?
- Hol dir Unterstützung – ein professionelles Karriere-Coaching kann dich dabei unterstützen, Denkmuster und Glaubenssätze aufzulösen und ein realistisches Bild deiner Fähigkeiten zu entwickeln.
Übrigens: Während der Arbeitssuche kann ein Karriere-Coaching am INQUA-Institut als AVGS-Coaching mit einem Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein zu 100 % von der Agentur für Arbeit beziehungsweise dem Jobcenter finanziert werden.
Über den Autor:

Johannes Gramß ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des INQUA-Instituts. Sein Schwerpunkt liegt in der Konzeptentwicklung für Digitales Coaching mit ansprechenden, wirkungsvollen Lernarchitekturen. Er beschäftigt sich zudem mit dem Nutzen von persönlichen Ressourcen und dem Bearbeiten innerer Barrieren bei der beruflichen Neuorientierung sowie dem psychologisch geschickten Umgang bei digitalen Auswahlprozessen für Bewerbende.
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