Das Genogramm im Karriere-Coaching

Wer sich beruflich umorientiert, sollte seine Stärken und Kompetenzen kennen. Er oder sie sollte auch wissen, welche Werte dem eigenen Handeln zugrunde liegen und zu welcher Unternehmenskultur diese Werte überhaupt passen. Ebenso wichtig ist es, die eigenen – meist unbewussten – Glaubenssätze aufzudecken, um diese ggf. zu justieren. Die Ressourcenorientierte Genogrammarbeit, wie sie vor einigen Jahren von Martin Hertkorn (Coachingmagazin 4/2012) beschrieben und seit dieser Zeit am INQUA-Institut Berlin kontinuierlich weiterentwickelt wurde, stellt dafür ein sehr hilfreiches und tiefergreifendes Instrument dar.

Was ist ein Genogramm?

Das Genogramm stammt aus der systemischen Familientherapie. Mit Symbolen wird am Flipchart eine stammbaumähnliche Übersicht des Familiensystems einer Zielperson erstellt. Männliche Vertreter werden als Vierecke dargestellt, weibliche Familienmitglieder als Kreise. Geschwister, Halbgeschwister und Stiefgeschwister werden auf einer Ebene, Eltern, Großeltern und weitere vorausgegangene Generationen auf einer jeweils darüber liegenden Ebene abgebildet. Es können Geburts-, Heirats- und Sterbedaten, Vornamen, Berufe und Besonderheiten neben den Symbolen vermerkt werden. Es gibt eine Reihe weiterer Symbole und Bezeichnungen, die sich hervorragend bei McGoldrick und Gerson (Genogramme in der Familienberatung, Berlin 1990) nachlesen lassen. Genogramme verhelfen dazu, unbewusste Prägungen und Glaubenssätze bewusst und damit bearbeitbar zu machen. Im Herkunftssystem wird nicht nur die jeweilige Muttersprache vermittelt, sondern gleichzeitig ein ganzes Wertesystem angelegt, das die Ausgangsbasis der eigenen Denkstruktur bildet. Im Prozess des Erwachsenwerdens kommen zahlreiche eigene Erfahrungen hinzu, die unsere primären Prägungen ergänzen, jedoch nicht gänzlich ersetzen. Unsere Vorfahren haben uns oft mehr geprägt, als es uns manchmal recht ist. Doch können Genogramme auch zu positiven Überraschungen führen.

Die Ressourcenorientierte Genogrammarbeit im Coaching

In der Ressourcenorientierten Genogrammarbeit legen wir einen besonderen Wert darauf, die teilweise unbewussten Stärken und Kompetenzen herauszuarbeiten. Diese lassen sich nicht selten für die eigene Karriereplanung nutzen. Wenn das Genogramm steht, werden in einem zweiten Schritt die Vorfahren mit Post-Its versehen. Hier werden deren jeweiligen fachlichen und sozialen Kompetenzen aufgelistet. Dazu ein Beispiel: Der Vater von Peter M. hat einen eigenen Handwerksbetrieb aufgebaut, den er mit straffer Hand führt. Als Vater ist er autoritär und erzieht seinen Sohn Peter M. sehr streng. Dieser studiert Publizistik und ist nach verschiedenen Tätigkeiten arbeitssuchend. Mit Hilfe der Ressourcenorientieren Genogrammarbeit besinnt sich Peter M. auf die Kompetenzen seines eigentlich ungeliebten Vaters. Ihm wird bewusst, dass er sich im Handwerkswesen sehr gut auskennt. Schon in frühester Kindheit waren die Herausforderungen, Erfolge und Rückschläge des eigenen Betriebs Thema am Abendtisch. So kommt er letztendlich auf die Idee, sein „in die Wiege gelegtes“ Wissen mit den publizistischen Fähigkeiten zu verbinden. In Folge findet Peter M. eine Tätigkeit als Pressereferent in einem Handwerksverband.

Wertearbeit mit dem Genogramm

Neben den verdeckten Kompetenzen lassen sich auch sehr gut die eigenen Werte durch die Genogrammarbeit herausarbeiten. Dafür werden in einem dritten Schritt die Werte der vorausgegangenen Generationen aufgelistet. Sind diese erst einmal auf Moderationskarten erfasst, ist es leicht, sich die eigenen Werte vor Augen zu führen. Hier wird deutlich, was eine Person „mitnehmen“ oder aber „verabschieden“ will. Unsere Beispielperson Peter M. wird vielleicht die praktischen Kompetenzen und die Selbstbestimmtheit des Vaters gerne „mitnehmen“, jedoch das patriarchale Weltbild lieber durch den Wert der Toleranz ersetzen. Auch wird ihm bei diesem Arbeitsschritt bewusst, dass er auf keinen Fall unter einem autoritären Chef arbeiten will.

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Glaubenssätze

Die spezifische Rolle, die ein jeder Mensch in seinem Herkunftssystem erhält, kann zur Entwicklung „günstiger“ oder auch „ungünstiger“ Glaubenssätze oder unbewusster Grundüberzeugungen führen. Sind diese erst einmal bewusst, ist es leichter möglich, sich von diesen zu verabschieden. Stellen wir uns vor, Peter M. sei das jüngste von drei Kindern. Jüngstgeborene geraten Kraft ihrer Geburt in ein Peergroupsystem von Geschwistern, die zumindest in den ersten 10-15 Lebensjahren in ihrer Entwicklung immer ein Stück voraus sind. Dies kann unter Umständen zu der Entwicklung eines unbewussten Glaubenssatzes führen wie zum Beispiel: „Ich kann das eh nicht“. Im Beispiel von Peter M. könnte das dazu führen, dass er eine Bewerbung erst gar nicht in Angriff nimmt und sich so seine eigene Karriere verbaut. Wäre Peter M. als Erstgeborener von mehreren Geschwistern aufgewachsen, hätte er sehr früh stets die Verantwortung der Jüngeren übernehmen müssen. Er wäre mit dem Satz „du bist doch schon groß, du kannst das“ großgeworden. Bei dieser Botschaft lernt ein Kind, eigene Bedürfnisse zu unterdrücken, bzw. als ungewollt und falsch zu bewerten. In Folge würde dieser Peter möglicherweise dazu neigen, sich und andere zu überfordern. Ganz wichtig ist es, hier auch die positive Seite zu erkennen und zu würdigen. So ist der „Kleine“ Peter durch seinen Glaubenssatz vor Selbtüberschätzung geschützt, der „große“ Peter hingegen verfügt über mehr Selbstbewusstsein und hat eine größere Chance, Führungskraft zu werden. Schließlich sind rund 80 Prozent aller Führungskräfte Erstgeborene (s. Sulloway: Der Rebell der Familie: Geschwisterrivalität, kreatives Denken und Geschichte, Berlin 1997).

Die Genogrammarbeit bietet also viele Chancen, bringt ungenützte Kompetenzen ans Tageslicht, macht Werte bewusster und deckt Glaubenssätze auf. Sowohl im Karriere-Coaching als auch im Entwicklungs-Coaching von Führungskräften lassen sich die Ergebnisse aus der Genogrammarbeit hervorragend verwerten.

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