„Ich habe das gemacht, was man halt so macht für ein Vorstellungsgespräch.“ Ein guter Freund erzählte mir das neulich beim Kaffee. Er hatte sich auf eine Stelle bei einem Medienunternehmen beworben. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, schlichte Krawatte – klassisch, sicher. Doch kaum betrat er den Wartebereich, war klar: Er war der Einzige im Raum, der so aussah. Die anderen trugen Sneaker, Hoodies, offen gekrempelte Hemden.
„Ich passte optisch nicht ins Bild – und das hat man gemerkt“, meinte er halb lachend, halb stirnrunzelnd.
Das Gespräch verlief freundlich, aber distanziert. Rückblickend war ihm klar: Nicht die Kleidung an sich war das Problem – sondern, dass sie nicht zum Unternehmen passte.

Was er erlebt hat, ist kein Einzelfall. Viele Bewerber:innen orientieren sich an allgemeinen Empfehlungen – und erfüllen doch nicht die Erwartungen. Denn Kleidung funktioniert nicht nach Checkliste, sondern im Zusammenspiel aus Branche, Unternehmenskultur und Rolle. Und Kleidung wirkt, bevor das Gespräch beginnt.

Outfit im Vorstellungsgespräch

Outfit im Bewerbungsgespräch: Signalwirkung ohne Worte

Ein Vorstellungsgespräch beginnt nicht mit der ersten Frage. Noch bevor Sie ein Wort sagen, wirken Kleidung und Stil. Sie senden Signale: über Ihre Haltung, Ihre Passung, Ihre Vorbereitung. Diese Wirkung geschieht oft intuitiv, aber sie lässt sich bewusst steuern.

Ob klassische Bank, kreative Agentur oder öffentlicher Dienst: Branche, Unternehmenskultur und angestrebte Rolle geben Hinweise auf die passende Kleidung. Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um ein stimmiges Zusammenspiel aus Person, Kontext und Outfit.

Ein passender Look stärkt nicht nur die äußere Wirkung, sondern auch das Selbstbild: Wer sich stimmig kleidet, tritt sicherer auf. Im Karrierecoaching bei INQUA erleben wir häufig, dass bereits kleine Anpassungen in Outfit und Auftreten die Wirkung im Gespräch deutlich verändern.

Fallbeispiel: Kleidung als Karrierehindernis

Ein Beispiel aus dem Coaching-Alltag: Eine Klientin bewarb sich mehrfach im Finanzbereich – ohne Erfolg. Fachlich war sie qualifiziert, aber ihr Auftritt war zu leger: Jeans, Shirt, Strickjacke. Ihre Rückmeldung: „Das bin ich. Ich will mich nicht verkleiden.“

Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Kleidung sollte keine Verkleidung sein – aber sie muss die Rolle widerspiegeln, für die man sich bewirbt. In diesem Fall half die Reflexion im Coaching. Ein Outfit wurde gewählt, das ihrer Persönlichkeit entsprach, aber zugleich den Erwartungen der Branche gerecht wurde. Beim nächsten Gespräch stimmte beides – Inhalt und Eindruck.

Kleidung im Vorstellungsgespräch

Der richtige Stil: Was passt zu welcher Branche?

Je nach Branche gelten unterschiedliche Dresscodes und beeinflussen, welches Outfit im Bewerbungsgespräch als passend gilt. In konservativen Bereichen wird oft ein formeller Auftritt erwartet, in der Kreativwirtschaft darf es legerer sein – aber immer gepflegt und durchdacht.

Checkliste Outfit Bewerbungsgespräch

Tipp: Farben beeinflussen unsere Wirkung stärker, als wir oft denken. Blau vermittelt Ruhe und Kompetenz, Grau steht für Seriosität. Wählen Sie Farben, die zu Ihrem Hautton passen und Ihre Präsenz unterstreichen.

Dennoch: Kleidung im Berufsleben ist natürlich kein starres Regelwerk, die oben abgebildete Tabelle bietet lediglich einen Orientierungsrahmen. Jede Branche hat typische Erwartungen, doch innerhalb dieser Spielräume ist Platz für persönliche Note und Individualität. Ein Musterkleid kann in einem konservativen Umfeld genauso passend sein wie ein dunkelblauer Anzug, wenn Schnitt, Material und Gesamtwirkung stimmig sind. Entscheidend bleibt: Der Look ist gepflegt, bewusst gewählt und passt zum Anlass.

Es sind oft nicht die großen Stilentscheidungen, sondern kleine Details, die im Bewerbungsgespräch den Eindruck trüben können. Ein kurzer Spiegel-Check vor dem Termin hilft, typische Fehler zu umgehen.

No-Gos Kleidung im Bewerbungsgespräch

 

  • Jogginghosen, Sportshirts oder auffällige Marken-Logos
  • Fleckige, ungebügelte oder zu enge Kleidung
  • Übermäßig starkes Parfum oder auffälliges Make-up
  • Sehr kurze Röcke oder tiefe Ausschnitte
  • Abgetragene Schuhe oder überladene Accessoires

 

All diese Punkte haben eines gemeinsam: Sie lenken von Ihrer Persönlichkeit und Kompetenz ab – und genau die sollten im Mittelpunkt stehen.

Outfit testen, Körpersprache stärken: Tipps für Ihren Auftritt

Selbst das beste Outfit verliert seine Wirkung, wenn Körpersprache und Mimik nicht mitspielen. Wer im Stuhl versinkt oder nervös mit einem Stift spielt, sendet Unsicherheit – unabhängig vom Look.

Ein aufrechter Sitz, ruhige Gestik und ein klarer Blick vermitteln Selbstvertrauen. Im Coaching sehen wir oft: Wer sich in seinem Outfit wohlfühlt, wirkt automatisch präsenter. Deshalb empfehlen wir, das gewählte Outfit vor dem Gespräch einmal komplett anzuprobieren – im Sitzen, Stehen und Gehen.

Dresscode und Identität: interkultureller Bewerbungskontext

Kleidung ist nie neutral. Sie vermittelt Zugehörigkeit, Stil und kulturelle Prägung. In interkulturellen Kontexten, etwa bei internationalen Bewerbungen oder bei Bewerber:innen mit Migrationsgeschichte, kann Kleidung unterschiedlich gelesen werden.

Was in Deutschland als zurückhaltend gilt, kann in anderen Ländern als zu formell wirken – und umgekehrt. Achten Sie auf folgende Punkte:

  • Orientieren Sie sich an Bildern auf Karriereseiten oder Social-Media-Profilen des Unternehmens.
  • Wählen Sie ein Outfit, das zu Ihrer Identität passt, aber zugleich respektvoll mit dem Dresscode umgeht.
  • Vermeiden Sie symbolhafte Missverständnisse, z. B. politische Statements auf Shirts oder provokante Designs.

Interkulturelle Sensibilität ist längst Teil beruflicher Kompetenz – auch in der Kleiderwahl.

Und was ist mit Piercings und Tattoos?

In vielen modernen und kreativen Arbeitsumfeldern sind sichtbare Tattoos oder Piercings heute völlig selbstverständlich. In konservativen Branchen, in Führungsrollen oder im Kundenkontakt kann es jedoch sinnvoll sein, sich vor dem Gespräch zu fragen:
Wie möchte ich wahrgenommen werden – und wie zeigt sich das Unternehmen selbst nach außen?
Auch hier gilt: Authentizität ist kein Widerspruch zu strategischer Entscheidung. Wer Tattoos abdeckt oder ein Piercing herausnimmt, verbirgt sich nicht – sondern steuert bewusst, welche Facette der eigenen Persönlichkeit sichtbar werden soll.

Der Outfit-Check: die 10 wichtigsten Punkte

 

  • Ist alles sauber, gebügelt und vollständig?
  • Sitzt die Kleidung gut – auch beim Gehen und Sitzen?
  • Schuhe: geschlossen, sauber, nicht abgelaufen?
  • Tasche dezent, aufgeräumt?
  • Schmuck: ein Akzent reicht.
  • Frisur aus dem Gesicht, gepflegt?
  • Socken oder Strümpfe passend?
  • Keine Preisschilder oder Etiketten vergessen?
  • Outfit vorher im Alltag getestet?
  • Fühle ich mich sicher, präsent und stimmig?

Fazit: Kleidung spricht für Sie. Noch bevor Sie es selbst tun

Es gibt nicht „das perfekte Outfit“ – aber ein passendes. Und das ist immer individuell. Es spiegelt nicht nur die Anforderungen der Stelle, sondern auch Ihre Haltung, Ihre Persönlichkeit und Ihr Verständnis vom beruflichen Kontext wider.

Mein guter Freund sagt heute: „Ich hab mich nicht falsch angezogen – nur falsch eingeschätzt, wie es dort läuft.“ Beim nächsten Gespräch wählte er ein modernes, dezentes Outfit – ohne Krawatte. Er hatte verstanden, dass Kleidung nicht nur Professionalität zeigt, sondern auch kulturelle Passung vermittelt. Er wurde eingeladen, nahm die Stelle an – und fühlte sich vom ersten Moment an als Teil des Teams.

Über den CO-Autor:

Johannes Junker I Head of Coaching bei INQUA

Johannes Junker ist systemischer Coach, kreativer Prozessbegleiter und Head of Communications am INQUA-Institut. Als Host des INQUA Karriere-Coaching-Podcasts COACHGEFLÜSTER spricht er regelmäßig mit Expert:innen zu Themen rund um die berufliche Neuorientierung und gibt Tipps für Vorstellungsgespräche, Bewerbung und die persönliche Weiterentwicklung.

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