Präkrastination: gutes Image bei schädlichem Effekt

Montag, 8:47 Uhr. Herr Müller ist aus dem zweiwöchigen Urlaub zurück, 127 ungelesene E-Mails warten auf ihn. Voller Tatendrang stürzt er sich auf den Posteingang – er liest chronologisch, von alt nach neu. Bei der dritten Mail denkt er sich: „Aha, die Budgetfrage für das neue Projekt!“ und sendet sofort eine ausführliche Antwort mit drei Lösungsvorschlägen an den Verteiler. Hätte er zunächst die nachfolgenden 14 Mails im Thread gelesen, hätte er gewusst: Seine Kolleg:innen haben in seiner Abwesenheit alles geklärt. Die Lösung wurde gefunden, das Budget ist genehmigt, das Projekt läuft längst.
Was Herr Müller hier demonstriert, hat einen Namen: Präkrastination. Während die meisten von uns mit dem Begriff Prokrastination vertraut sind – der sogenannten Aufschieberitis – ist sein Gegenteil weitaus weniger bekannt. Präkrastination bezeichnet den Drang, Aufgaben sofort zu erledigen. Auch dann, wenn es sinnvoller wäre, sich erst einmal einen Gesamtüberblick zu verschaffen, zu priorisieren oder weitere Informationen abzuwarten. Der Begriff Präkrastination wurde 2014 von Psychologen der Pennsylvania State University geprägt. Das Phänomen, das er beschreibt, ist vermutlich so alt wie die Arbeitswelt selbst.

Zwischen Aufschieben und Aktionismus: Warum beide Extreme schaden

Menschen, die prokrastinieren, haben mit dem Vorurteil zu kämpfen, unzuverlässig und träge zu sein. Führungskräfte haben häufig das Bedürfnis, sie stärker zu kontrollieren. Diese Einordnung färbt ab: Prokrastinierer:innen fühlen sich oft schuldig und empfinden Scham für ihr Verhalten. Präkrastination dagegen ist nicht nur ein gesellschaftlich anerkanntes, sondern sogar ein erwünschtes Verhalten. Menschen, die alles sofort erledigen, werden als hochproduktiv und engagiert wahrgenommen. Wir attestieren ihnen eine „Hands-on-Mentalität“ und sprechen von „proaktivem Handeln“.

Das ist das Paradox: Wir verteufeln das Aufschieben und bewundern das schnelle Abarbeiten – obwohl beide Verhaltensweisen schädlich sind. Wer prokrastiniert, verpasst Chancen, Deadlines und bringt Kolleg:innen in die Bredouille. Präkrastinierer:innen aber handeln nicht schnell, sondern vorschnell. Und wer vorschnell handelt, trifft schlechte Entscheidungen, produziert zusätzliche Korrekturschleifen und verschwendet Ressourcen. Beide Extreme kosten also Zeit, Geld und Nerven – aber nur eines wird problematisiert.

 

Warum unser Gehirn uns zum Präkrastinieren verleitet

Was treibt manche Menschen dazu, sofort loszulegen? Die Antwort liegt teilweise in unserem Gehirn. Jede erledigte Aufgabe, und sei sie noch so klein, triggert eine Dopaminausschüttung – unser körpereigenes Belohnungssystem springt an. Dieses „Erledigt!-Gefühl“ kann regelrecht süchtig machen. Das Problem dabei: Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen sinnvoll erledigten und vorschnell abgehakten Tasks. Es begnügt sich damit, den mentalen Haken hinter eine erledigte Aufgabe zu setzen – egal, wie relevant sie war.

Das hält Präkrastinierer:innen in einem ständigen Zustand der Aktivität, denn jede erledigte Aufgabe macht Lust auf mehr. Das Problem verschärft sich in unserer digitalen Arbeitswelt: Push-Nachrichten, E-Mail-Eingänge und Chat-Benachrichtigungen liefern einen endlosen Strom an Mikro-Aufgaben, die schnell erledigt werden können. Jede beantwortete Nachricht, jeder abgearbeitete Hinweis sorgen für einen kleinen Belohnungsschub. Ein Teufelskreis entsteht: Je mehr wir sofort erledigen, desto mehr trainieren wir unser Gehirn darauf, genau dieses Verhalten zu wiederholen.

 

Effizienz-Illusion: Wenn sofortiges Handeln Mehrarbeit verursacht

Präkrastinierendes Verhalten kann von außen den Anschein von Effizienz erwecken. Bei genauerem Hinsehen wird aber klar: Das Gegenteil ist der Fall, denn Präkrastination erzeugt einen paradoxen Effekt. Je schneller gearbeitet wird, desto mehr Arbeit entsteht. Die vermeintliche Zeitersparnis durch sofortiges Handeln verkehrt sich ins Gegenteil, wenn Ergebnisse mehrfach überarbeitet werden müssen. Vorschnelle Entscheidungen basieren meist auf unvollständigen Informationen und müssen korrigiert werden. Was als Einmalaufwand geplant war, wird zum Dauerprojekt.

Die wahren Kosten zeigen sich erst mit Verzögerung: Wenn sich Vorgaben immer wieder verändern, verlieren Teams das Vertrauen in Führungskräfte, Entscheidungen und Prozesse. Mitarbeitende, die ein lückenhaftes Briefing bestmöglich umsetzen, ernten Kritik statt Anerkennung – als wäre schlechte Arbeit die Ursache für die notwendigen Nachbesserungen. Die Bereitschaft der Kolleg:innen, sich voll einzubringen, sinkt – denn kaum jemand möchte Energie in etwas investieren, das vermutlich wieder verworfen wird. Auf Dauer wirkt sich das negativ auf die Unternehmenskultur aus.

 

Hurry Sickness: Wenn Produktivität krank macht

Aber es geht nicht nur um Geld und Effizienz. Präkrastinierer:innen leben in einem permanenten Hamsterrad: Kaum ist eine Aufgabe erledigt, kommt auch schon die nächste. Der Schreibtisch wird nie leer, denn wer schnell arbeitet, bekommt genauso schnell Nachschub. Wer zu Präkrastination neigt, wird im Zweifel selbst dafür sorgen, permanent beschäftigt zu sein, denn alles andere fühlt sich falsch an. Es wird niemanden überraschen, dass diese konstante Hochgeschwindigkeit häufig auf direktem Wege zur totalen Erschöpfung führt.

Für dieses Phänomen gibt es sogar einen Namen: „Hurry Sickness“, auf Deutsch: „Hetzkrankheit“ – eine unmittelbare Vorstufe des Burnouts. Betroffene können nicht mehr abschalten, fühlen sich schuldig, wenn sie Pausen machen und entwickeln körperliche Stresssymptome. Die Burnout-Statistiken in Deutschland sprechen eine deutliche Sprache: Nicht selten sind es die vermeintlich Hochproduktiven, die irgendwann völlig ausbrennen. Sie haben jahrelang über ihre Grenzen gelebt, getrieben von der Illusion, dass ein leerer Posteingang oder eine abgearbeitete To-do-Liste endlich Ruhe bringen würde.

 

Busy, aber nicht produktiv: die verschiedenen Gesichter der Präkrastination

Präkrastination zeigt sich in vielen Formen. Da ist zum Beispiel Herr Müller, unser E-Mail-Blitzantworter, der innerhalb von Minuten reagiert – oft ohne die Frage vollständig verstanden zu haben. Da ist die Meeting-Vorbereiterin, die Präsentationen erstellt, bevor die Agenda steht. Da ist der Entscheidungs-Sprinter, der heute eine 70-Prozent-Lösung umsetzt, obwohl er morgen schon eine 95-Prozent-Lösung liefern könnte. Oder die Projektmanagerin, die täglich ihre Zeitpläne überarbeiten und anpassen muss – weil sie die Terminkalender der Beteiligten nicht berücksichtigt.

Und dann sind da noch die „Schein-Präkrastinator:innen“, deren Verhalten von Prokrastination kaum zu unterscheiden ist: Menschen, die sich mit kleinen, unwichtigen, einfachen Aufgaben beschäftigen, um das Gefühl von Produktivität zu haben – während schwierige, wichtige, unangenehmere Aufgaben liegen bleiben. Sie beantworten E-Mails, statt Strategiepapiere zu erarbeiten. Sie organisieren Meetings, statt Konzepte zu durchdenken. Sie sind busy, aber nicht produktiv – ein Unterschied, der auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu erkennen ist.

 

Zwischen Tempo und Timing: das richtige Maß zählt

Vielleicht erkennst du dich in Herrn Müller wieder. Oder du hast eine Kollegin, die du bewunderst, weil sie Dinge so viel schneller erledigt als du. Die Kunst liegt nicht darin, die Schnellste oder der Gründlichste zu sein. Es geht darum, für jede Situation das angemessene Tempo zu finden. Manchmal erfordert eine Krise tatsächlich sofortiges Handeln. Oft aber bringt eine Nacht darüber schlafen die bessere Lösung. Diese Unterscheidungsfähigkeit zu entwickeln, ist eine der wichtigsten Kompetenzen in unserer beschleunigten Arbeitswelt.

Die gute Nachricht: Sowohl Prokrastination als auch Präkrastination sind erlerntes Verhalten, das verändert werden kann. Meist steckt etwas hinter dem Verhaltensmuster, zum Beispiel eine Angst vor Konfrontation, die dazu führt, dass sich jemand nicht traut, Rückfragen zu stellen. Oder ein Perfektionismus, der zu vorschnellem Handeln führt – lieber schnell erledigt als ewig daran gefeilt. Oft auch ein Wunsch nach Anerkennung, der sich in demonstrativer Geschäftigkeit äußert. Aber: Das eigene Verhalten zu ändern, ist anstrengend.

 

Raus aus dem Hamsterrad: Wie Coaching beim Tempo-Neustart hilft

Wenn es darum geht, eingefahrene Verhaltensmuster zu erkennen und nachhaltig zu verändern, kann ein professionelles Karriere-Coaching einen wertvollen Beitrag leisten. Ein neutraler Blick von außen ist eine nützliche Unterstützung, eigene Denk- und Handlungsmuster und ihren Ursprung zu erkennen. Im Coaching-Prozess wird an konkreten individuellen Lösungen gearbeitet. Konstruktives Feedback durch die:den Coach motiviert zusätzlich, nicht aufzugeben. Oft genügt schon der erste Aha-Moment, um eingefahrene Automatismen zu hinterfragen. Coaching hilft dabei, zwischen echtem Arbeitsdruck und selbst erzeugtem Aktionismus zu unterscheiden. Wer sein Verhalten bewusst steuert, statt sich treiben zu lassen, gewinnt nicht nur Gelassenheit, sondern auch an echter Wirksamkeit.

 

7 Tipps für ein gesundes Arbeitstempo

  1. 24-Stunden-Regel

Lass wichtige Entscheidungen eine Nacht ruhen. Was heute dringend erscheint, ist morgen oft weniger kritisch. Die gewonnene Zeit nutzt du für das Sammeln zusätzlicher Informationen oder das Einholen einer zweiten Perspektive.

  1. Vollständigkeit vor Schnelligkeit

Bevor du loslegst, frage dich: Habe ich alle notwendigen Informationen? Ist das Briefing komplett? Kurz nachfragen spart später stundenlanges Nacharbeiten.

  1. E-Mail-Reflex zähmen

Nicht jede Nachricht braucht eine Sofort-Antwort. Lege feste Zeiten für die Beantwortung von E-Mails fest und lies bei Threads erst den kompletten Verlauf, bevor du einsteigst.

  1. Priorisieren statt abarbeiten

Unterscheiden Sie zwischen dringend und wichtig. Die schnelle Erledigung vieler kleiner Aufgaben fühlt sich im ersten Moment gut an, bringt dich aber oft nicht weiter.

  1. Pausen als Produktivitäts-Tool

Kurze Unterbrechungen der Arbeit sind keine Zeitverschwendung. Sie schaffen Abstand, fördern neue Perspektiven und verhindern vorschnelle Entscheidungen.

  1. Solide Arbeit statt Perfektionismus

Nicht jede Aufgabe braucht 110 Prozent. Manchmal reichen 85 Prozent völlig aus – und die gesparte Energie kannst du für andere Projekte einsetzen.

  1. Professionelle Unterstützung suchen

Wenn du merkst, dass du im Hamsterrad gefangen bist, kann ein Coaching helfen. Ein neutraler Blick von außen hilft dir, Muster zu entdecken und zu durchbrechen, die du selbst nicht wahrnimmst.

 

Über den Autor:

Johannes Gramß
Johannes Gramß

Johannes Gramß ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des INQUA-Instituts. Sein Schwerpunkt liegt in der Konzeptentwicklung für Digitales Coaching mit ansprechenden, wirkungsvollen Lernarchitekturen. Er beschäftigt sich zudem mit dem Nutzen von persönlichen Ressourcen und dem Bearbeiten innerer Barrieren bei der beruflichen Neuorientierung sowie dem psychologisch geschickten Umgang bei digitalen Auswahlprozessen für Bewerbende.

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