Auf die eigenen Stärken besinnen! – Zum erfolgreichen Wiedereinstieg nach der Elternzeit

Eine junge Frau tritt an den Schreibtisch eines Personalers auf der Suche nach einem neuen Job. Er beginnt das Vorstellungsgespräch mit der herablassend gestellten Frage: „Ihr Beruf? Oder sind Sie nur…“. Bevor er den Satz mit „…nur Hausfrau und Mutter“ beenden kann, fällt sie ihm souverän lächelnd ins Wort: „Ich arbeite in der Kommunikationsbranche. Und im Organisationsmanagement. Außerdem gehören Nachwuchsförderung und Mitarbeitermotivation zu meinen Aufgaben. Oder kurz: Ich führe ein sehr erfolgreiches kleines Familienunternehmen.“

Die junge Frau aus dem dargestellten Werbespot einer Staubsaugerfirma (2006) scheint eine wichtige Managerposition zu besetzen – tatsächlich beschreibt sie ihren Alltag als Hausfrau und Mutter. Diese Darstellung zeigt deutlich, welche selbstdarstellerischen Spielräume bei einem Bewerbungsgespräch zur Verfügung stehen, wenn man sich nicht „nur“ als Hausfrau und Mutter verkaufen möchte.

von Alice Valjanow

Leider kann nicht jede Frau, die die vergangenen Jahre in die Förderung des Familiennachwuchses investiert hat, anstatt sich auf ihre berufliche Karriere zu konzentrieren, so selbstbewusst von ihren Kompetenzen berichten wie die Protagonistin dieses Videos. Im Gegenteil: Wenn eine junge Mutter einige Jahre nicht berufstätig war, verliert sie oft aus den Augen, welche beruflichen Erfahrungen sie bereits gesammelt hat und welche zusätzlichen Fähigkeiten sie in der Zeit erwerben konnte, die sie Haushalt und Kindern gewidmet hat. Oft sind das eher soziale als fachliche Kompetenzen, die in den Augen der betroffenen Frauen weniger wert zu sein scheinen. So erlebe ich im Coaching mit Frauen, die sich auf einen beruflichen Wiedereinstieg nach der Elternzeit vorbereiten wollen, häufig die Situation, dass diese Klientinnen die Frage nach den eigenen Kompetenzen nur mit viel Mühe beantworten können. Sie haben ihre Fähigkeiten schlicht aus dem Fokus verloren. Damit der Wiedereinstieg gelingt, besteht der erste wichtige Schritt im Coaching darin, sich auf die Fähigkeiten zu besinnen, die im Laufe des bisherigen Lebens erworben wurden.

Fokus auf die eigenen Kompetenzen – sowohl fachlich als auch sozial

Viele Leserinnen, die sich in einer solchen Situation wiederfinden, werden sich nun die Frage stellen: Wie kann ich meine Stärken entdecken, welche methodischen Möglichkeiten bietet hier ein Coaching ? Und tatsächlich stehen im Coaching unterschiedliche Tools bereit, mit denen sowohl fachliche als auch soziale Fertigkeiten erforscht und erfasst werden können. Je nach methodischer Ausrichtung des Coaches werden im Coaching-Prozess unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen.

Im INQUA-Karriere-Coaching setzen wir zu diesem Zweck das High-Profiling®-Kompetenzprofil ein: Auf der Grundlage eines narrativen biographischen Interviews können mithilfe einer kompetenzbasierten Analyse eine ganze Bandbreite an Stärken aufgezeigt werden, die in unterschiedlichen Stationen der bisherigen Erwerbsbiographie erworben wurden. Der Blick in die Vergangenheit ist dabei von besonderer Bedeutung, da die meisten Menschen dazu tendieren, erlernte Fähigkeiten und weit zurückliegende Erfahrungen zu unterschätzen, während junge Erfahrungen besonders stark im inneren Selbstbild präsent sind. Dieser Bias evoziert bei vielen Frauen, die in den letzten Jahren „nur“ den Haushalt und die Kindererziehung übernommen haben, den Gedanken: Ich kann nichts außer putzen, kochen und Windeln wechseln. Das Studium, das nun schon einige Zeit zurückliegt, damals aber unter großem Lernaufwand erfolgreich absolviert wurde, rückt gefühlsmäßig so weit in die Vergangenheit, dass die Inhalte verblasst und das Gehirn inzwischen eingerostet scheinen. Den Blick ganz aktiv wieder auf die weiter zurückliegenden beruflichen Etappen zu richten ist ein wichtiger Baustein, um die Breite an Fähigkeiten, die seit Beendigung der Schulzeit erworben wurden, zurück ins Bewusstsein zu rufen.

Mit Hilfe des High-Profiling®-Kompetenzprofils werden eine Vielzahl von Stärken der Klientin aufgeführt, die sowohl in Selbstlektüre als auch gemeinsam mit dem Coach reflektiert werden. Hierbei erlebe ich nicht selten die Reaktion von Klientinnen: „Diese Eigenschaft ist bei mir sehr stark ausgeprägt. Aber ist das wirklich eine Stärke? Das kann doch eigentlich jeder…“ Ein klassisches Beispiel dafür ist Organisationsstärke: Vielen Müttern, die spätestens nach der Geburt des zweiten Kindes ihr Organisationsgeschick soweit optimieren mussten, dass sie es schaffen, trotz quengelndem Baby und widerspenstigem Kleinkind rechtzeitig zum Morgenkreis in der Kita zu erscheinen, scheint nicht bewusst zu sein, dass sie Hervorragendes in Sachen Organisation und Zeitmanagement geleistet haben, wenn ihnen Pünktlichkeit unter diesen erschwerten Bedingungen gelungen ist.

Hat man also geklärt, dass auch selbstverständlich anmutende Fähigkeiten wie Freundlichkeit, Zuverlässigkeit und Empathievermögen nicht jedem Mitbewerber auf eine ausgeschriebene Stelle in die Wiege gelegt sind, ist ein wichtiger Schritt getan. Bei manchen Positionen können diese Stärken tatsächlich die entscheidenden Kompetenzen darstellen und sollten bedenkenlos in das (berufliche) Selbstbewusstsein integriert werden.

Eine weitere besondere Methode des INQUA-Karrierecoachings, um eigene Stärken zu entdecken, besteht darin, den Blick auch auf die eigene Herkunft zu richten. So wird bei der Genogrammarbeit die Mehrgenerationenperspektive mit einbezogen. Bevor man sich den eigenen Stärken zuwendet, wird herausgearbeitet, was die eigenen Eltern und Großeltern für Stärken haben/hatten. Über diesen Umweg erkennt so manche/r Klient/in eigene Stärken, denn gerade Personen mit weniger stark ausgeprägtem bzw. derzeit geschwächtem Selbstbewusstsein fällt es viel leichter, die Stärken anderer zu benennen als die eigenen. Im Karrierecoaching kann anschließend die Parallele gezogen werden. Eigenschaften, die z.B. bei der Mutter als Stärke angesehen werden und bei der Klientin gleichermaßen ausgeprägt ist, können auch als eigene Stärke erkannt und geschätzt werden.

Wo will ich beruflich hin? Das Ziel entwickeln und fokussieren

Der Schritt vom Paar zur Elternschaft wird in der Entwicklungspsychologie als biographischer Bruch beschrieben, der dazu führt, dass sich grundlegende Dinge im Leben verändern und damit nochmal neu sortieren. So kann es sein, dass mit dem Eintreffen von Kindern im Familiensystem eine Werteverschiebung stattfindet. In der Rolle als Mutter wird frau sich vielleicht bewusst, dass sie sich trotz eines erfolgreich abgeschlossenen BWL-Studiums in der Tasche eigentlich gar nicht mehr vorstellen kann, im Anschluss an die Elternzeit wieder in einem Wirtschaftskonzern Fuß zu fassen. Vielleicht steht die Erkenntnis, dass die Arbeit mit Kindern mehr Spaß macht oder eine „Sinnhaftigkeit“ im Beruf ein wichtigeres Kriterium für die Arbeitszufriedenheit bedeutet, als es früher der Fall war.

So kann es sein, dass nach den Jahren der Auszeit erst einmal ein Prozess der Orientierung stattfinden muss. Berufliche Ziele wollen identifiziert und gesteckt werden, bevor der Bewerbungsprozess beginnt. In diesem Reflexionsprozess spielt neben der Frage nach den eigenen Werten und Interessen die Überlegung eine wichtige Rolle, wo man in fünf oder zehn Jahren stehen will und welche Zwischenziele dabei erreicht werden sollten. Bei manchen Frauen ist es der Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie, andere möchten trotz Kindern Karriere machen, wieder andere möchten die Karriere fortsetzen, die sie vor der Mutterschaft begonnen haben. Ganz egal, welche berufliche Vision in einer Frau schlummert, oft braucht es den Austausch und einen Blick in die Zukunft, um Klarheit über die beruflichen Wünsche zu schaffen und im eigenen Reflexionsprozess voran zu kommen.

Die Bewerbungsunterlagen

Ist eine berufliche Vision erst einmal entwickelt, besteht der Folgeschritt darin, sich diesem Ziel aktiv zu nähern. Gerade wenn die letzte berufliche Erfahrung schon einige Jahre zurückliegt, ist es keine leichte Übung, im Lebenslauf von sich zu überzeugen. Viele Frauen stellen sich beispielsweise die Frage, ob es beim Personalverantwortlichen besser ankommt, die Kinder im CV zu erwähnen oder zu verschweigen. Und wie geht man mit der langen Lücke im Lebenslauf um? Wird der Personalverantwortliche eines Großkonzerns Verständnis für eine sechsjährige Elternzeit haben? Die Sorge geht mit diesen Fragen einher, auf Grund des Status der letzten Jahre schon vor dem ersten Bewerbungsgespräch ausgesiebt zu werden. Eine Patentantwort auf die Fragen gibt es nicht, doch stehen einige kleine Tricks und Kniffe bereit, mit denen es im Coaching gelingt, den Lebenslauf in ein „positiveres“ Licht zu rücken. So schafft man es manchmal bereits mit einer Umstrukturierung der Rubriken im Lebenslauf, von der längeren Lücke abzulenken und vergangene berufliche Erfahrungen in den Fokus des Personalverantwortlichen zu schieben. Dem Anschreiben kommt dabei ebenfalls eine besondere Bedeutung zu, denn hier hat man viel Spielraum, auf die Perlen des bisherigen beruflichen Werdegangs zu verweisen und diese auszuschmücken.

Das Bewerbungsgespräch

Konnte die Bewerbung überzeugen, erhält man die Einladung zu einem ersten persönlichen Gespräch. Nun gilt es, sich die eigenen Stärken vor Augen zu halten, denn um eine andere Person von den eigenen Fähigkeiten überzeugen zu können, muss man zuerst selbst davon überzeugt sein! Im systemischen Jobcoaching ist es gängig, sich mittels Rollenspiel auf ein bevorstehendes Bewerbungsgespräch vorzubereiten. Die Klientin kann den Ernstfall proben und realitätsgetreu Antworten auf Fragen finden, für die sie eine Antwort parat haben sollte. Der Karrierecoach gibt Feedback und Verbesserungsvorschläge nicht nur zu den Antworten, sondern auch zu nonverbalen Signalen der Klientin.

In der Rolle des Personalverantwortlichen fällt dem Coach möglicherweise auf, dass die Klientin bei der Begrüßung einen zu wenig festen Händedruck hat. Ein sehr weicher Händedruck deuten viele als Hinweis auf einen weniger starken Charakter, was die Wahrnehmung des Personalverantwortlichen über die Bewerberin maßgeblich beeinflussen kann. Auch ein aufrechter Gang und eine gerade, selbstbewusste Körperhaltung können wahre Wunder bewirken. Blinde Flecken wie die häufige Verwendung eines Füllwortes, z.B. „ähm“ oder „also“, können vom Jobcoach aufgezeigt und von der Klientin verändert werden.

Nicht zuletzt bei der Wortwahl zur Umschreibung der beruflichen Erfahrungen und der Fähigkeiten können unterschiedliche Welten in der Phantasie des Personalverantwortlichen entstehen – und natürlich will man eine Welt erschaffen, die zwar realistisch ist, einen aber in möglichst gutem Licht erscheinen lässt. Manche Frauen tendieren beispielsweise dazu, sich als „ganz gut organisiert“ zu beschreiben, obwohl sie eigentlich „sehr gut organisiert“ sind. Ein Personalverantwortlicher würde so eine Beschreibung auswerten als: „Organisation ist nicht gerade meine große Stärke“. Eine selbstbewusste Darstellung à la Protagonistin des Werbespots, wie zu Beginn beschrieben, kann den Ausschlag für eine Einstellung geben.

Und schlägt einem die Nervosität („Prüfungsangst“) vor dem Vorstellungsgespräch ein Schnippchen, lässt sich mit Hilfe von Mentaltraining, Atem- und Entspannungsübungen oder einer inneren Teilearbeit dagegen vorgehen. Nicht zuletzt auf die Gehaltsfrage sollte man gut vorbereitet sein, denn gerade Frauen, die längere Zeit nicht berufstätig waren, neigen dazu, sich unter Wert zu verkaufen. Eine selbstbewusste Verhandlungsstrategie, die gleichzeitig genug Raum für Kompromissbereitschaft bietet, lässt sich nur umsetzen, wenn die richtigen Argumente parat liegen und der Verhandlungsspielraum realistisch einschätzen werden kann.

Den Ernstfall des Vorstellungsgesprächs mit einem Probedurchlauf zu üben ist also in jedem Fall empfehlenswert und bringt Baustellen zum Vorschein, an denen bei der Vorbereitung auf das entscheidende Treffen noch gearbeitet werden kann.

INQUA-Coaching als Maßnahme zum Einzelcoaching beim beruflichen Wiedereinstieg nach der Elternzeit

Eine Coaching-Maßnahme ist immer ein guter Schritt, um sich professionell auf den beruflichen Wiedereinstieg nach der Elternzeit vorzubereiten. Leider kann sich nicht jede Mutter ein Karrierecoaching leisten, denn meist müssen die Kosten dafür aus eigener Tasche bezahlt werden und ein solcher Coaching-Prozess ist nicht in 2-3 Sitzungen durchlaufen. Akademikerinnen, die arbeitslos gemeldet sind, haben die Möglichkeit, über die Arbeitsagentur oder das Jobcenter einen Aktivierungsgutschein für ein Berufscoaching zu beziehen (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein, AVGS). Wird dieser Coaching-Gutschein von der Agentur für Arbeit bewilligt, können Akademikerinnen das Jobcoaching kostenlos in Anspruch nehmen, es wird dann zu 100 % über den Vermittlungsgutschein finanziert.

Das Bewerbungscoaching von INQUA bietet in einem ausgefeilten achtwöchigen Programm mit einer Kombination aus Einzelsitzungen und Aufgaben zwischen den Sitzungen, die den individuellen Reflexionsprozess unterstützen, die Chance, sich professionell auf einen erfolgreichen Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternzeit vorzubereiten und diesen aktiv umzusetzen.

Alice Valjanow lebt und arbeitet in Berlin und ist seit 2014 als Karriere-Coach auch für INQUA tätig. Auf ihrer Webseite schreibt Sie auch im eigenen Blog unter: https://www.alice-valjanow.de/blog/