Vom Umgang mit Arbeitslosigkeit

“Strategien optimieren, Selbstbewusstsein stärken”

Wie ein Mensch seine Arbeitslosigkeit empfinde, hänge von ganz unterschiedlichen Dingen ab, wie Dr. Martin Hertkorn, Vorstandsvorsitzender des INQUA-lnstituts für Coaching in Berlin betont.

„Der Grad des Leidens ist abhängig von Dauer der Arbeitslosigkeit, von den gefühlten künftigen Chancen und von der Länge des vorausgegangenen Beschäftigungsverhältnisses”, erklärt er. Das bedeute, je länger die Beschäftigung gedauert habe, desto stärker werde die Trennung wahrgenommen.

Hertkorn vergleicht das mit dem Trennungsschmerz nach einer partnerschaftlichen Beziehung. Doch auch andere Faktoren sind für den Gefühlszustand von Arbeitssuchenden bedeutsam. Etwa das Alter der Betroffenen oder der Verantwortungsdruck. „Je nachdem, ob man das alleinversorgende Familienmitglied ist oder das partnerschaftliche Gegenüber Sicherheit bietet”, erläutert der Coach. Aber auch die wirtschaftlichen Verhältnisse im Allgemeinen und die Kompetenz, mit Krisen umgehen zu können, seien ausschlaggebend.

Was aber können die Betroffenen konkret unternehmen? Besonders wichtig sei es, das eigene, Selbstbewusstsein auszubauen, wie Hertkorn hervorhebt. „Etwa durch das Bewusstmachen von Stärken: Welche Aufgaben habe ich in meinem Leben schon» bewältigt und welche Stärken habe ich dabei gezeigt? Welche Krisen habe ich schon überstanden und welche Kompetenzen habe ich dabei entwickelt?” Außerdem sei es wichtig, die Selbstmotivation zu steigern. Hertkorn erläutert: „Ich male mir einen beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft aus, zu dem sich alles nach meinen Wünschen entwickelt hat. Ich beschreibe diesen Tag in der Form, als würde ich einem alten Freund erzählen, wie ich diesen Tag gestaltet habe. Ein solches Bild strahlt eine starke Kraft aus. In einem zweiten Schritt beschreibe ich die Zwischenstufen, die mich dorthin geführt haben.” Darüber hinaus gelte es die eigene Zuversicht zu stärken. Dabei sei es hilfreich, eine Liste zu erstellen, auf der der Betroffene festhält, welche äußeren Faktoren mit der aktuellen Situation zu tun haben. So ließe sich eine Selbstabwertung verhindern. Mit den äußeren Faktoren meint Hertkorn etwa die Arbeitsmarktsituation sowie saisonale Schwankungen. Ähnliche Strategien würden auch im Coaching durch das INQUA-lnstitut eine bedeutsame Rolle spielen. „Wir arbeiten mit biographie-analytischen Methoden”, erklärt er. „Das heißt, wir möchten den Menschen bewusst machen, welche Stärken sie haben und welche Ressourcen eine wichtige Rolle für sie spielen könnten.” Mit seinem lnstitut bietet er auch spezielle Coachings für Akademiker und Akademikerinnen an. „Zunächst ermitteln wir dabei immer die persönliche Ausgangslage der jeweiligen Person”, erklärt Hertkorn. Außerdem gelte es, Ziele zu formulieren und eine Strategie zur Erreichung der Ziele zu entwickeln. Wie die aussehe, sei von Fall zu Fall ganz unterschiedlich.

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Netzwerken, Profil schärfen

Der Coach rät allen Betroffenen zur Optimierung der Bewerbungsstrategien: „Sehr viele arbeitslose Menschen haben nicht so gute Bewerbungsunterlagen”, sagt er. „Ich empfehle dringend, sich zu den Bewerbungsunterlagen ein Feedback von außen zu holen.” Sehr wichtig sei zum anderen ein Realitätscheck. „Man“ sollte sich nur auf solche Stellen bewerben, für die es auch eine gewisse Wahrscheinlichkeit auf Erfolg gibt. Sonst führt das nur zu unnötigen, frustrierenden Absagen”, sagt er. Auch das Thema Netzwerken dürfe nicht unterschätzt werden. „Das persönliche Netzwerken wird immer wichtiger. Viele Menschen haben da Hemmungen”, sagt Hertkorn. Wichtig sei darum besonders die richtige innere Haltung. „Die sollte lauten: Ich kann in mein Netzwerk auch Dinge einbringen und wenn es nur ein guter Urlaubstipp, ein Rezept für Kirschmarmelade oder die Empfehlung eines Kinderarztes ist. Die Haltung, das Netzwerk muss gleich einen Job ausspucken, ist hinderlich”, erklärt der Coach und empfiehlt die Einbeziehung von Social Media-Kanälen. „Social Media wie Xing, Linkedln und Jobsuchmaschinen sind weitere Bausteine, um gut gefunden zu werden”. Auch führt die Beschäftigung damit zur Bewusstmachung und Schärfung des eigenen Profils”, sagt Hertkorn und fügt hinzu: „Zu guter Letzt gilt: Unsere Arbeitswelt ist derart spezialisiert, dass es praktisch keinen Job mehr gibt, für den ein Neueinsteiger gleich alle Kompetenzen mitbringt. Dies bedeutet, dass Mut zur Lücke und die Bereitschaft, stets dazuzulernen, Grundvoraussetzung für die berufliche Neuorientierung sind.”

von Daniela Lukaßen (erschienen in: WILA Wissenschaftsladen Bonn, arbeitsmarkt, 20. Jahrgang 12.05.2015, S. IV-VII)

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