Erlebnisbericht zum Metaforum SommerCamp 2018 – Systemische Weiterbildung für Job Coaches

Was machen unsere Job Coaches eigentlich, wenn Sie nicht coachen? Sie bilden sich weiter, um spannende Impulse für Ihre Arbeit zu erhalten. Alexander Setzer ist Senior Coach und Ausbildungsleiter am INQUA-Institut und hat in diesem Jahr das Metaforum SommerCamp besucht. Im Interview spricht Alexander über seine Erfahrungen bei der Weiterbildung, systemisches Coaching, Hypnosystemische Ansätze und erklärt, warum Probleme eine Frage der Perspektive sind.

Johannes Junker: Lieber Alexander, du hast als systemischer Coach am Metaforum SommerCamp 2018 teilgenommen. Was ist für Dich das Besondere an dieser Weiterbildung?

Alexander Setzer: Über drei Wochen treffen sich in Italien in Abano nahe Venedig rund 800 Leute, die alle im weitesten Sinne etwas mit systemischer Beratung und Therapie zu tun haben. Es kommen Berater, Coaches aber auch Führungskräfte zusammen, um bestehendes Wissen aufzufrischen oder neue Inhalte kennenzulernen. Bei Metaforum gibt es jede Menge Angebote, von Coaching-Tools über Konfliktmoderation bis hin zu Vertiefungen im systemischen Coaching wie Strukturaufstellungen bis zu den sogenannten Hypnosystemischen Konzepten von Gunther Schmidt.

Johannes Junker: Wofür steht Gunther Schmidt und was macht ihn und seine Arbeit besonders?

Alexander Setzer: Ich verfolge seine Arbeit schon seit vielen Jahren und schätze diese sehr. Gunther Schmidt hat den sogenannten Hypnosystemischen Ansatz entwickelt. Dieser Ansatz hat zwei Ausgangspunkte: Zum einen die Systemtherapie, also die klassische systemische Familientherapie. Den zweiten wichtigen Einfluss bildet die sogenannte Hypnotherapie, die Milton Erickson begründet hat. Erickson war ein US-amerikanischer Arzt und Psychiater, der sehr stark mit Hypnose und Trance gearbeitet hat und auch als Begründer der Kurzzeittherapie gilt. Gunther Schmidt hat nach einem persönlichen Aufenthalt bei Erickson diese zwei Ansätze miteinander kombiniert und daraus den hypno-systemischen Ansatz entwickelt. Er selbst – ursprünglich Volkswirt – hat erst nach seinem betriebswirtschaftlichem Erststudium seine Berufung gefunden, Medizin studiert, seinen Facharzt in Psychosomatik und Psychotherapie absolviert und ist heute Leiter des Milton-Erickson-Institut in Heidelberg. Er ist außerdem als Coach und Therapeut tätig, führt Aus- und Weiterbildungen durch und hat eine eigene Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik und Psychotherapie, die Systelios Klinik, aufgebaut.

Johannes Junker: Du hast gerade den Begriff „Hypnosystemisch“ aufgebracht. Was verbirgt sich in der Praxis hinter diesem Ansatz?

Alexander Setzer: Die Grundannahme dieses Ansatzes ist, dass unser Erleben das Ergebnis von Aufmerksamkeitsfokussierung ist. Die Tatsache, dass ich mich in manchen Momenten gut und in anderen schlechter fühle, hängt von den jeweils aktivierten Erlebensnetzwerken ab. Unter Erlebensnetzwerken wird das Zusammenspiel mehrerer miteinander verbundener Faktoren verstanden wie körperliche Aspekte in Form von Körperhaltung, Atmung, Gestik und Emotionen, aber auch kognitive Faktoren wie Beschreibungen, Benennungen und Bewertungen sowie innere Dialoge und innere Bilder bis zu interaktionellen Beiträgen. Wir haben sehr viele dieser Erlebensnetzwerke in uns gespeichert, die uns als Potential zur Verfügung stehen.

„Die Grundannahme des hypnosystemischen Ansatzes ist, dass unser Erleben das Ergebnis von Aufmerksamkeitsfokussierung ist.“

Zur Veranschaulichung nutzt Gunther Schmidt gerne das Beispiel eines Traumes: Nehmen wir an, du träumst einen schönen, angenehmen Traum. Dementsprechend wirst du dich in dem Traum wohl und gut fühlen. Auch deine körperlichen Parameter deuten auf Entspannung. Nun ereilt dich plötzlich einen Albtraum. Dein Blutdruck und Herzschlag steigen, du schwitzt, deine Atmung geht schneller. Es geht dir im Traum schlecht, du fühlst dich bedroht und klein.
Das heißt, dein Erleben wird ein komplett anderes, man könnte auch sagen, du wirst zu einem anderen. Abhängig davon, worauf wir fokussieren, werden unterschiedliche Erlebensnetzwerke aktiviert. Wie ein Scheinwerfer, der schnell herumgerissen wird und etwas anderes in Szene setzt.
Forschungen über das autobiografische Gedächtnis zeigen, dass wir sehr viele solcher Erlebensnetzwerke abgespeichert haben. Man könnte auch von unterschiedlichen inneren Seiten oder Ego-States sprechen. Demnach haben wir nicht ein stabiles inneres Ich, sondern viele unterschiedliche Ich-Zustände. Kurzgefasst ist unser Erleben das Ergebnis von Aufmerksamkeitsfokussierung.

Johannes Junker: Das bedeutet, ich muss nur meinen inneren Scheinwerfer herumreisen und erlebe dann etwas Anderes? Zum Beispiel Ruhe und Entspannung anstelle von Stress?

Alexander Setzer: Im Prinzip ja, doch so einfach ist die Sache in der Praxis nicht. Denn- und nun kommen wir zu einer weiteren Grundannahme- nicht alle Prozesse kann ich unmittelbar beeinflussen. Es wird hier zwischen willkürlichen und unwillkürlichen Prozessen unterschieden.
Menschen begeben sich in einen Coaching- oder Beratungsprozess, weil sie ein sogenanntes Problem haben. Doch was ist ein Problem? Es beschreibt zunächst nichts anderes als eine Ist-Soll Diskrepanz. Ich erlebe etwas, das ich so nicht erleben will. In jedem Problem drückt sich also auch eine Sehnsucht nach einem anderen Erleben aus.

Handelt es sich um einen willkürlichen Prozess, kann leicht Abhilfe geschaffen werden: Ich will einen Kaffee, habe aber keinen, also hole ich mir einen Kaffee. Damit ist die Ist-Soll Diskrepanz aufgelöst.

Schwieriger wird es bei den sogenannten unwillkürlichen Prozessen, innere Phänomenen, die ich nicht direkt steuern kann. Ein Beispiel: ich bin im Bewerbungsgespräch sehr aufgeregt. Ich fühle mich blockiert, und habe in diesem Moment keinen Zugang zu meinem kompetenten Ich. In diesem Fall reicht es nicht, dass ich mir sage: „Ich bin ab jetzt nicht mehr aufgeregt!“. Solche unwillkürlichen Prozesse führen die Leute oft ins Coaching: Ich will es nicht, aber es passiert trotzdem. Um Einfluss auf solche unwillkürliche Prozesse zu gewinnen, können hypnosystemische Techniken angewandt werden.

Jetzt kommen wir zur dritten Grundannahme: die meisten Menschen gehen davon aus, dass ihr Erleben eine Reaktion auf ein bestimmtes Phänomen ist. Um beim Beispiel des Traumes zu bleiben: Wenn wir etwas Bedrohliches träumen und uns schlecht fühlen, schlussfolgern wir, dass das Phänomen Albtraum der Auslöser für unsere negativen Gefühle ist. Ich habe schlecht geträumt, deshalb geht es mir schlecht. Oder jemand hat das und jenes zu mir gesagt, deshalb bin ich wütend, oder verletzt. Aus hypnosystemischer Sicht stimmt das so nicht. Nicht der Inhalt ist entscheidend, sondern wie ich mich zu diesem Phänomen in Beziehung setze. Und auf diese Beziehung habe ich Einfluss, so kann ich Wahlmöglichkeiten gewinnen.

„Auch im Job-Coaching gilt das Prinzip: Wenn ich die Beziehung zu bestimmten Phänomenen ändere, ändert sich mein Erleben mit.“

Wenn wir beim Traumbeispiel bleiben: bei der Technik des luziden Träumens baue ich im Traum eine Metaposition auf. Plötzlich kann der Albtraum sogar interessant werden, weil ich weiß, ich träume. Ich bin nicht mehr wie vorher mit dem Albtraum assoziiert, ich gewinne nun mehr Abstand zum Phänomen. Ich habe die innere Beziehung zum Inhalt verändert, und somit das Erleben verändert. Diese Technik des luziden Träumens kann übrigens jede*r erlernen.

Dieses Prinzip wird auch im Job Coaching genutzt: Wenn ich die Beziehung zu bestimmten Phänomenen ändere, ändert sich mein Erleben mit. Wenn ich sehr stark mit einem Erleben assoziiert bin, zum Beispiel mit einer ängstlichen Seite, fühle ich mich wahrscheinlich klein und inkompetent. Nun besteht die Aufgabe in erster Linie darin, eine hilfreiche Distanz zu diesem Phänomen Angst aufzubauen.

Die moderne Hirnforschung hat mittlerweile deutlich gezeigt: Je größer der Druck und Stress, desto geringer wird der Zugriff auf eigene, hilfreiche Kompetenzen. Das heißt, indem ich mir in einem ersten Schritt versuche, die innere Position zu dem Phänomen zu ändern, erreiche ich einen besseren Zugang zu meinen Kompetenzen. Es geht also darum, eine innere Metaposition zum Phänomen Angst (Stress) einzunehmen, und Zugang zu meinen Ressourcen zu erhalten.

Johannes Junker: Wie kann das im Coaching konkret aussehen, wenn ich mein Erleben in eine neue, von mir gewünschte Richtung lenken will?

Alexander Setzer: Im Coaching besteht der erste Schritt darin, durch bestimmte Fragen eine möglichst konkrete, sinnlich erfahrbare Zielvorstellung zu erarbeiten. „Wie wäre es, wenn es gut wäre?“. Es geht um zunächst um das „Wofür?“, und nicht das „Warum?“. So gewinnen Coach und Coachee zunächst einmal eine Orientierung. Diese Lösungsorientierung ist generell ein wesentlicher Punkt im systemischen Job Coaching. Das Ziel sehr genau herauszuarbeiten, es beschreib- und sinnlich erlebbar zu machen, ist von wesentlicher Bedeutung. So fokussieren wir bereits die Aufmerksamkeit auf die künftig gewünschten Erlebensmuster. Es reicht eben nicht zu sagen: „Ich will weniger Druck spüren“. Denn in diesem Zielentwurf kommt das Wort „Druck“ noch immer vor. Stattdessen will ich im nächsten Bewerbungsgespräch beispielsweise Sicherheit, Souveränität und Kompetenz erleben.

„Lösungsorientierung ist ein wesentlicher Punkt im systemischen Job Coaching.“

Die vorher beschriebenen unwillkürlichen Prozesse, wie z.B. das Erleben von bestimmten, blockierenden Emotionen, lassen sich nicht gut direkt beeinflussen. Hier kann gut mit Imaginationen, inneren Bildern, Metaphern, aber auch mit Körperkoordination, Atmung und Gestik gearbeitet werden. Im Prinzip geht es darum, hinderliche Muster zu unterbrechen und förderliche, Kompetenz-aktivierende, aufzubauen.

Der hypnosystemische Ansatz ist auch hervorragend geeignet, um einen Umgang mit Ambivalenzen zu finden. Gerade im Falle von Entscheidungen können ganzheitlich unterschiedliche innere Bedürfnisse und Werthaltungen berücksichtigt werden, um so zu stimmigeren Ergebnissen im Innen und im Außen zu kommen.

Eine zentrale Grundannahme des hypnosystemischen Ansatzes ist, dass alle hilfreichen Ressourcen bereits vorhanden sind. Sie sind im Moment vielleicht nicht zugänglich, aber vorhanden. Die Aufgabe ist es, die zieldienlichen Muster zu reaktiveren,- man muss also nichts Neues erfinden. Ich kenne keinen Ansatz, der ressourcenorientierter vorgeht. Dieses positive, ressourcenorientierte Menschenbild, das hier zugrunde liegt, finde ich großartig! Wir orientieren uns nicht an den Defiziten, sondern am Gewünschten. Wobei das an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden sollte: Es ist nicht immer leicht und womöglich auch mit mehreren Anläufen verbunden, etwas zu verändern. Gut eingespielte Muster verändern sich nicht über Nacht. Ich zitiere zum Schluss nochmal Gunther Schmidt: „Es ist schwer, aber machbar. Und doch schwer. Aber durchaus machbar.“

Unsere Job Coaches am INQUA-Institut unterstützen Sie bei der beruflichen Neuorientierung. Arbeitssuchende können das Karriere-Coaching auch über einen AVGS (Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein) der Bundesagentur für Arbeit oder dem Jobcenter zu 100 Prozent finanzieren lassen. Erfahren Sie mehr.