„Authentisch zu sein bedeutet, dass Innen und Außen im Einklang stehen.“

Interview mit INQUA Karriere-Coach Petra Schreiber über Stil, Kleidung und das richtige Outfit im Bewerbungsgespräch 

Die Einladung zum Vorstellungsgespräch haben Sie erhalten. Herzlichen Glückwunsch! Jetzt gilt es, im persönlichen Gespräch zu überzeugen. Nicht wenige Bewerber*innen fragen sich erst unmittelbar vor dem Gespräch: Was ziehe ich an? INQUA Karriere-Coach Petra Schreiber verfügt über 25 Jahre Erfahrung als Personalerin. Sie ist außerdem Imageberaterin und Expertin für stilsicheres Auftreten im Bewerbungsgespräch. Im Interview mit dem INQUA-Blog erklärt sie, wie Sie sich perfekt auf das entscheidende Gespräch vorbereiten und warum Authentizität eine Frage der Balance ist.

INQUA-BLOG (IB): Welche Rolle spielt der erste Eindruck im Bewerbungskontext?

Petra Schreiber (PS): Der erste Eindruck trifft uns jeden Tag mehrmals und spielt immer eine große Rolle – auch im Bewerbungskontext. Aus Sicht des Personalers ist das enorm wichtig. Wenn jemand zum Vorstellungsgespräch kommt, nehme ich innerhalb von Sekunden zuerst Kleidung, Körperhaltung und Körpersprache wahr und überlege schon hier, ob das passt oder nicht. Der zweite Eindruck ist dann erst das Verhalten im Gespräch.

IB: Welche Fragen stellen sich neben der fachlichen Qualifikation im Vorstellungsgespräch?

PS: Personaler oder Recruiter kennen in der Regel die Menschen, mit denen der Bewerber im Erfolgsfall arbeiten wird und fragen sich auch ganz intuitiv: Kann ich mir vorstellen, dass diese Person morgen hier ins Büro kommt und sich dann gut einfügt? Es geht also auch um das Matching der Unternehmenskultur. Diese Fragen gehen Personalverantwortlichen während des Vorstellungsgesprächs immer durch den Kopf: Wer sind die Vorgesetzten? Wer sind die Kolleginnen und Kollegen? Passt die Person ins Unternehmen und ins Team? Auf welche Stelle hat sie sich beworben und strahlt sie das aus? Wohin geht sie als Nächstes, wenn wir zusammenkommen?

IB: Welche Rolle spielt neben der Unternehmenskultur auch das zukünftige mögliche Aufgabenfeld des Bewerbers?

PS: Wenn ich in öffentlicher Funktion unterwegs bin und mit Kunden zu tun habe, spielt das Auftreten selbstverständlich eine noch größere Rolle. Dies gilt ebenso für Führungskräfte. Mitarbeitende orientieren sich gerne an direkten Vorgesetzten. Wie sieht er denn heute aus? Wie gibt sie sich denn? Das sollte man als Führungskraft nicht unterschätzen. Eine gewisse Präsenz sollte gerade in diesen Feldern vorhanden sein. Da hilft mir meine Kleidersprache einerseits und meine Körpersprache andererseits. Diese Faktoren sind auch für den ersten Eindruck entscheidend und lassen sich im Coaching z.B. im Rollenspiel gut einüben.

IB: Gibt es ein paar grundsätzliche Tipps und Prinzipien, die sich im Bewerbungsgespräch direkt anwenden lassen?

PS: Auf jeden Fall immer eine gute und gerade Körperhaltung. Wer im Stuhl versinkt und die Schultern nach vorne fallen lässt, sieht nicht gerade sehr professionell und selbstbewusst aus. Auch beim Betreten des Raumes sollte ich gerade gehen und nicht durch den Flur schlürfen. Das hat auch etwas mit Ausstrahlung und Körperbewusstsein zu tun. Viele stellen auch die Frage: „Wohin mit den Händen?“ Hier empfehle ich auf keinen Fall mit den Händen wild herumzufuchteln, zu gestikulieren oder noch schlimmer mit dem Kugelschreiber herumzuspielen. In der Ruhe liegt die Kraft! Am besten lege ich die Hände einfach auf den Schoß oder die Stuhllehne, da liegen sie schon mal gut. Ob ich vor Aufregung schwitze und es mir heiß den Rücken herunterläuft, sieht niemand, aber äußerlich sollte schon versucht werden, Ausgeglichenheit und Selbstbewusstsein zu vermitteln.

IB: Als Stil- und Image-Beraterin geht es bei Dir auch um Farben und Farbkombinationen. Dies ist vermutlich ein Thema, über das sich viele Menschen eher weniger bewusst Gedanken machen. Warum lohnt es sich denn überhaupt, darüber nachzudenken, welche Farben und Muster mir stehen?

PS: Wenn Kunden eine Stilberatung wünschen, gehört eine Farbanalyse dazu. Es ist immer spannend zu sehen, wie sich ein Gesicht verändert, wenn ich Farben trage, die nicht ideal zu meinem Hauttyp passen. Ich kann durch die falsche Farbe auch kränklich, älter und fahl aussehen. Die Haut verändert sich optisch, Unreinheiten kommen stärker zum Vorschein, Schatten unter den Augen kommen bei ungünstigen Farbtönen viel stärker zur Geltung.

Mit der richtigen Farbe fängt das Gesicht hingegen an, zu strahlen. Die Haut wirkt ruhiger und die Schatten unter den Augen werden nicht so stark wahrgenommen. Bei der Farbwahl geht es einerseits darum, eine optische Harmonie herzustellen, andererseits auch darum Professionalität auszudrücken. Im Business-Bereich sollte ich Farben tragen, die dort hingehören und meine Profession unterstreichen. Dann ist es natürlich von Vorteil, wenn ich weiß, was mir steht und mir auch an mir gefällt.

IB: Was sind die typischen Businessfarben?

PS: Typische Businessfarben sind Blau, Grau und Anthrazittöne und für Frauen auch Schwarz. Für Herren ist schwarz immer nur eine Anlassfarbe. Im Businessbereich sind grelle Töne hingegen nicht zu Hause. Auffällige, große Muster und schrille Töne ist nicht unbedingt klassische Business-Garderobe. Hemden und Blusen sind traditionell in weiß oder Pastelltönen gehalten und da gibt es eben auch warme und kalte Farben. Es gibt unzählige Grautöne, manche wirken eher warm, andere eher kalt. Auch hier macht es sich bezahlt, etwas genauer zu analysieren, welcher Farbtyp bin ich. Blau hingegen ist in den meisten Varianten eine Farbe, die eigentlich jedem steht. Wenn ich unsicher bin, ist der Griff zum blauen Anzug oder Kostüm eine sichere Wahl. Bin ich in einer anderen Branche unterwegs, zum Beispiel im kreativen Bereich, da würde ich in klassischer Businesskleidung (Anzug; Kostüm) eher langweilig wirken, da darf mehr mit Farben, Formen und Muster gespielt werden.

IB: Kleidung ist also ein entscheidender Faktor, wenn es um eine Karriere geht?

PS: Nach dem Motto „Kleider machen Leute“ spielt das natürlich schon eine sehr große Rolle. Ich sollte mir Gedanken machen, was ich mit meiner Kleidung ausdrücken möchte: Welches Image möchte ich gerne haben? Wie möchte ich wahrgenommen werden? Und welche Erwartungen haben auch andere an mich? Ich zum Beispiel bin am INQUA-Standort in Frankfurt am Main, wo die Banken- und Finanzwelt sehr präsent ist. Wenn ich beruflich in diese Finanzwelt möchte, dann bin ich eben mit Anzug oder Kostüm unterwegs.

IB: Könntest du vielleicht aus deiner eigenen Erfahrung als Coach berichten, wie sich so etwas konkret auswirken kann?

PS: Ich hatte einmal eine Coachee, die sich im Finanzbereich beworben hat und auch immer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Zur Einstellung kam es jedoch nie. Ich habe mich schon gewundert, denn sie war fachlich top qualifiziert. Dann haben wir vereinbart, das Vorstellungsgespräch einzuüben, und zwar inklusive Garderobe. Als die Dame dann in die Sitzung kam, war sie völlig underdressed und meinte, dass sie so auch zum Vorstellungsgespräch geht. Da war im Grunde klar, wo das Problem liegt. Es war ihr einfach unangenehm, sich der Stelle entsprechend zu kleiden, es war nicht ihr Stil. In so einem Fall muss ich mich wirklich fragen, ob ich in dieser Branche wirklich richtig oder möglicherweise doch fehl am Platz bin. Denn letzten Endes möchte ich mich ja wohlfühlen. Und wie soll ich mich wohlfühlen, wenn ich mich den ganzen Tag in Kleidung bewege, die mir nicht gefällt?

IB: Was kann ich als Bewerber denn tun, wenn mich ein Berufsfeld wie die Finanzwelt interessiert, aber es ist mir völlig zuwider, Anzug und Krawatte zu tragen?

PS: Das kann ich eigentlich ganz einfach beantworten: Entweder Oder! Entweder passe ich mich dem Dresscode an oder ich lasse es bleiben. Denn, wenn ich dieses Spiel nicht mitspiele, werde ich in dieser Branche keine Chance haben. Insbesondere wenn ich viel mit Kunden zu tun habe, wenn ich nach außen ein Unternehmen repräsentiere, dann wird erwartet, dass ich entsprechend gekleidet bin und mich den Erfordernissen anpassen kann.

IB: Gibt es in Deutschland in verschiedenen Städten denn verschiedene Kleidungskulturen oder regionale Unterschiede?

PS: Auf jeden Fall! In Frankfurt am Main sehe ich in der Mittagspause viele Menschen in Anzug und Kostüm. Vieles hat sich zwar schon gelockert, doch der Kontrast zu anderen Städten ist noch präsent. München zum Beispiel ist da farbenfroher. Hier steht die Tradition auch stärker im Fokus: Tracht ist auch mal angesagt. Berlin hingegen ist ein völlig anderes Umfeld. Dies ist eine Stadt der Individualisten und Kreativen, was sich auch in der Kleidung ausdrückt. In Hamburg habe ich wieder sehr viel Stil und auch einen Konservativen Touch.

IB: Nehmen wir einmal an, ich bewerbe mich auf eine Stelle in einem Unternehmen und möchte angemessen für das Vorstellungsgespräch angezogen sein. Was kann ich denn konkret zur Vorbereitung tun, um eben zu erfahren, was angemessen ist? Wie kann ich mich vorbereiten, wenn ich erstmal keine Anhaltspunkte habe?

PS: Zuerst sollte ich mir Gedanken machen über die Position, auf die ich mich bewerbe. Bin ich im Außendienst, im Büro? Bewerbe ich mich auf eine Führungsposition? Mit welchem Outfit verkörpere ich diese Position? Auf jeden Fall sollte ich auch im Internet die Webseite des Unternehmens recherchieren. Das bedeutet, ich kann mir schon mal einen Eindruck verschaffen, wie die Geschäftsleitungen aussehen: Wie sind die dargestellt? Welche Bilder existieren darüber hinaus vom Unternehmen und den Mitarbeitenden.

So erhalte ich schon mal einen ungefähren Einblick, was möglicherweise angemessen ist. Und grundsätzlich gilt: lieber ein bisschen overdressed als underdressed. Das heißt, wenn ich mich klassisch und stilvoll kleide, bin ich tendenziell immer auf der sicheren Seite. Es muss je nach Branche nicht immer ein Anzug sein, aber eine vernünftige Hose, ein Hemd und ein Jackett, da kann man gar nichts falsch machen.

IB: Gibt es denn auch Situationen, wo die Gefahr besteht, overdressed zu sein? Zum Beispiel zum Vorstellungsgespräch beim Startup mit Anzug und Krawatte zu erscheinen.

PS: Definitiv kann ein Outfit auch zu viel sein. Die Frage, die sich immer stellt: Welche Erwartungen werden andere an mich haben? Ein Beispiel: Eine junge Auszubildende bewirbt sich in einem technischen Beruf und sie kommt im Anzug, weil z.B. die Eltern gesagt haben: Zieh dich zum Bewerbungsgespräch ordentlich an! Dann erscheint sie zum Vorstellungsgespräch in voller Montur und sitzt dem technischen Leiter gegenüber, der in Jeans und im karierten Hemd recht casual angezogen ist. Das sind dann Situationen, da fühle ich mich als Bewerberin nicht wohl, weil ich genau weiß: Das war jetzt ein bisschen zu viel. Auch für mein Gegenüber kann dies unangenehm sein, weil es schwieriger ist, mich einzuordnen. Passt diese Person zu uns? Gerade in einem Startup sind oft jüngere Leute in Entscheidungspositionen. Es kann durchaus sein, dass der oder die Geschäftsführer*in eher leger unterwegs ist (muss aber nicht). Wenn dann jemand im Anzug auftaucht, kann es auch eher kontraproduktiv sein. Grundsätzlich sind die zu besetzende Position und die Branche immer entscheidend, da muss ich eben recherchieren. Wenn Sie sich auf eine Stelle im Vertrieb bewerben, passt es vielleicht auch schon wieder, obwohl ich schicker angezogen bin als der CEO.

IB: Bei all diesen Erwartungshaltungen von außen und ungeschriebenen Regeln geht es bei Dir auch immer um das Thema Authentizität. Wie definierst du für dich den Begriff Authentizität im Kontext Kleidung und Karriere?

PS: Authentisch zu sein bedeutet für mich immer, dass innere Haltung und Außenwirkung im Einklang stehen, dass ich stimmig rüberkomme. Es geht um die richtige Balance. Dabei ist es wichtig, zu verstehen, dass ich als Mensch auch authentisch sein kann, wenn ich Kleidung trage, die vielleicht nicht meinem persönlichen Stil entspricht. Mit meiner Kleidung drücke ich auch aus, dass mir der Anlass und die Aufgabe wichtig sind. Mit Kleidung drücke ich auch Wertschätzung anderen Menschen gegenüber aus. Und dann trage ich vielleicht auch mal etwas z.B. einen Anzug, den ich sonst nicht so oft anziehe. Wenn dies so überhaupt nicht mein Ding ist, gilt es für mich eine Balance zu finden, zwischen dem, was angemessen ist, was erwartet wird und wie ich mich wohl fühle. Mir muss bewusst sein, dass ich die Konsequenzen für mein Auftreten trage.

IB: Ich habe auf deiner Webseite einen Satz von Karl Lagerfeld gefunden: „Persönlichkeit fängt da an, wo der Vergleich aufhört.“ Was bedeutet dieses Zitat für Dich?

PS: Etwas, dass ich immer wieder feststelle ist, dass sich viele Menschen ständig mit Anderen vergleichen. Ich höre oft Sätze wie: „Was machen denn die Anderen? Die sind viel qualifizierter oder attraktiver als ich!“ Dabei steckt in jedem Menschen so viel Potenzial und Individualität. Wenn ich mich kenne, weiß, was ich kann, über welche Kompetenzen und Fähigkeiten ich verfüge, mich so akzeptiere, wie ich bin (auch meinen Körper), dann bin ich selbstsicher und selbstbewusster. Das zeichnet mich als Persönlichkeit aus. Das bringt eine selbstbewusste Körperhaltung und -sprache, positive innere Haltung mit sich.  Außerdem kann ich auch einen eigenen Stil leichter entwickeln, wenn ich mir selbst bewusster bin. Auch einen eigenen Kleidungsstil.

Petra Schreiber ist INQUA Karriere-Coach in Frankfurt am Main. Sie ist Expertin für Karriere-, Image- und Persönlichkeitsentwicklung. Petra Schreiber verfügt über 25 Jahre Erfahrung als HR-Generalistin und HR Managerin mit Führungsverantwortung. Zum Profil auf unserer Webseite

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